Sondersendung zum Weltradiotag 2020

„Schluss mit Klischees! Der Gott des Sehens fällt.“

Unter diesem Titel brachte die Gruppe gecko art eine Sondersendung im Rahmen des internationalen UNESCO-Weltradiotags, der jährlich am 13. Februar (dem Jahrestag der Gründung des Radios der Vereinten Nationen) begangen wird und 2020 unter dem Motto Radio & Diversity stand. gecko art blickt – bzw. „hört“ in dieser Sendung auf beinahe 20 Jahre Radiokooperation mit dem Bundesblindeninstitut in Wien sowie anderen Organisationen zurück.

 

DIE SENDUNG KANN HIER NACHGEHÖRT WERDEN. Ausstrahlungstermin war DO, 13.02.2020 (Sendereihe WBC – We BroadCast auf Radio Orange 94.0) UKW/FM 94,0, Kabel 92,7

Wie sehr die Begegnung mit blinden Menschen Verunsicherung auslöst, erstaunt in einer Gesellschaft, die sich als offen, integrativ und inklusiv erweisen will. Oft werden Blinde und Sehbehinderte in erster Linie als hilfsbedürftig wahrgenommen, was in vielen Situationen eine übertriebene oder schlicht falsche Hilfeleistung zur Folge hat.

Im Laufe von 20 Jahren entstanden zahlreiche Audiobeiträge von blinden und sehbehinderten Menschen. Diese thematisieren mit viel Vehemenz und Entschlossenheit unterschiedlichste gesellschaftliche Bereiche: Sie sprechen über Erziehung, über Sucht, über die Stellung der Frau in anderen Erdteilen, über Sport, über Ausländerfeindlichkeit, über Flucht, über ihre Erstsprachen, über Lebensglück – und über Blindheit und in wie weit dieselbe klischeehaften Reaktionen in der Öffentlichkeit ausgesetzt ist. Die 30minütige Sendung präsentiert Auszüge aus Hörbeiträgen, Hörspielen und Gesprächsrunden aus 25 Sendungen. Auch wird die Frage aufgeworfen, warum immer noch so wenige blinde Menschen gesellschaftliche Entscheidungsfunktionen in Politik und Wirtschaft innehaben (trotz abgeschlossem Studium und diverser Zusatzausbildungen und Qualifikationen). Der Weg zu tatsächlicher „Inklusivität“ scheint sich in Absichtserklärungen, Wortblasen, Euphemismen und kosmetischen verkehrstechnischen Maßnahmen zu erschöpfen, während visuelles Selbstverständnis und Bild-Überfrachtung ständig zunehmen – was den Gott des Sehens freut. Wann fällt er endlich?

Stadt ohne Hindernisse, Hörbuch Praterstern & Co

Am Anfang der 2000er Jahre erhielt das gecko art-Team den Auftrag zur Audiogestaltung der Ausstellung „barrierefrei! Stadt ohne Hindernisse“ in der Planungswerkstatt Wien. Eines der Features, welche damals entstanden sind und an mehreren Hörstationen in der Ausstellung präsentiert wurden, entstand in Zusammenarbeit mit blinden und sehbehinderten Menschen und trug (in Anlehnung an Reinhard Mays Lied) den Titel „Unter den Wolken …“. Dass Blinde in der Mitte der Gesellschaft leben und keineswegs in einer „eigenen Welt“, zeigten alle folgenden Radioproduktionen auf eindrucksvolle Weise. So etwa machten sich Blinde Gedanken, in wie weit der Mensch ein Produkt seiner Erziehung sei („Das Edukterat“) oder wie das ist, wenn man auf poetische Weise seinen „schlimmsten Albtraum, den Alltag“, träumt. Mit „Passt eh ois, oda?“ begaben sich Blinde und Sehbehinderte vor den Radiomikrofonen auf die Suche nach dem Lebensglück.

Ein „Highlight“ im akustischen Sinne war das zweijährige Sendungsprojekt „Hörbuch Praterstern“, in dem ein bekannter Platz in Wien aus unterschiedlichsten Wahrnehmungsperspektiven beschrieben und erforscht wurde – auch mittels Kurzhörszenen und Spontanhörspielen. Nachzuhören waren diese Praterstern-Beiträge im Rahmen einer audiovisuellen Ausstellung. Aber auch spezifische Themen und Anliegen von blinden Menschen wurden zur Sprache gebracht. In der Sendung „Wo ist dort?“ werden – mit einer gehörigen Portion Humor – Erlebnisse mit Sehenden wiedergegeben, und in ihrer Sendung „Sehbeeinträchtigung für Anfänger“ erstellen Blinde u.a. ironisch-akustische Anleitungen, wie richtige Hilfeleistung ihnen gegenüber im öffentlichen Raum vonstatten gehen könnte. Die angesprochenen Themen bieten ein treffendes Hörbild nicht nur zur Teilhabe an gesellschaftlichen Überlegungen, sondern auch zur Selbstreflexion über eine nicht vorhandenene oder stark eingeschränkte Sehfähigkeit.

WBC – Redaktionelle Radioarbeit

Die Radioredaktion WBC-We BroadCast – HORCH-IMPULSE FÜR ALLE wurde in der zweiten Phase ihres Bestehens von blinden und sehbehinderten SchülerInnen des Polytechnischen Lehrgangs am Bundesblindeninstitut in Wien mitgestaltet.

Von den jungen Redaktionsmitgliedern erstellt wurden damals Sendungen in einer breiteren Themenpalette, in welcher neben kritisch-informativer Berichterstattung auch Unterhaltung eine (Radio-)Rolle spielte. Diese Sendungen kreisten um Musik, Urlaub, Kommunikation, Fantasie und Science Fiction. Mit der Sendereihe WBC-We BroadCast haben Gruppen die Möglichkeit, über längere Zeiträume Radioprogramm zu gestalten und sukzessive „ihr“ Programm-Portfolio zu erstellen, das über die Produktion von Einzelsendungen hinausgeht. Dabei werden alle Projektschritte gemeinsam mit den Teilnehmenden ausgeführt.